Donnerstag, 9. Januar 2014

Perry Nr. 38: Die Millies kommen

Gerade arbeite ich am neuen PERRY-Comic der Alligatorfarm, der in diesem Jahr erscheinen soll. Da fällt mir ein, dass ich hier doch gelegentlich mal etwas über die klassischen PERRY-Comics aus den Siebzigern schreiben könnte. Wenn ich’s damit auf 129 Posts schaffe, hätte ich dann alle Hefte der „alten Serie“ besprochen, haha.

Ich beginne mit einem besonderen Heft, PERRY Nr. 38: „Die Millies kommen“, erschienen im September 1970. Ich erinnere mich, wie ich im Jahr 2007 im damaligen Alligatorfarm-Comicstudio in Hamburg-Altona zum ersten Mal Karl Nagel traf, der damals mit seinem Verlag die PERRY-Comics in der „neuen Serie“ wiederbelebt hatte. Karl zeigte mir ein besonderes PERRY-Heft aus seiner Jugend, eben jene Nr. 38, in der Shira, das geheimnisvolle Mädchen aus dem All, zum ersten Mal auftaucht. Und er erzählte mir, dass er gerade zusammen mit Kai Hirdt eine Fortsetzung der Geschichte schrieb, die kurz darauf als „Drangwalze-Trilogie“ in der neuen PERRY-Comicreihe erschien. Damit wurde eine Geschichte zu Ende erzählt, deren Anfang fast vierzig Jahre zuvor veröffentlicht worden war.

PERRY Nr. 38 stand ganz zu Beginn der durch die psychedelischen Zeichnungen des italienischen Studio Giolitti geprägten „Pop-Art-Phase“ der PERRY-Comics, die nur eine Nummer zuvor, mit Heft Nr. 37, begonnen hatte: Die Panels explodierten, unsere Weltraumhelden sahen plötzlich aus wie Popstars, und auf den knallbunten Seiten räkelten sich leicht bekleidete Mädchen. Kulturwissenschaftler Horst Schröder kommentierte später: „In Leserbriefen protestierten die vorwiegend jugendlichen Leser empört gegen die Nackedeis. Nicht etwa, weil sie dies als Entwürdigung der Frau empfanden, sondern weil sie meinten, soviel Nacktheit würde sich negativ auf die Kampfmoral der Crew auswirken.“

Die „Millies“-Story, geschrieben von Bernt Kling, war eine Parodie auf die damals oft „ausgesprochen militaristischen Inhalte der PERRY-RHODAN-Romanserie“ (Kling in einer E-Mail an Michael Nagula), und diese erfolgt in drastischer Brutalität: Die Bösewichte der Geschichte sind menschenfressende, raubvogelartige Außerirdische, gegen die Perry und seine Crew machtlos scheinen (Atlan auf Seite 19: „Auf in den Kampf, Terraner!“). Auf den Seiten 16 und 18 wird tatsächlich gezeigt, wie die Bestien Menschen die Köpfe abreißen, ein Horror sondergleichen! Später bekamen die PERRY-Comics dann auch hin und wieder Ärger mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.

Doch die eigentliche Attraktion des Heftes war die neue Figur, die Kling eigens für die PERRY-Comics erfunden hatte: Shira, die schöne Mutantin mit dem wallenden rot-blonden Haar, das „Mädchen aus dem All“, ein geheimnisvolles Wesen ohne Vergangenheit (mit Anklängen an URANELLA, ebenfalls eine Comicheldin des Moewig-Verlags). Die ornamentartigen Applikationen, die entscheidende Stellen nur notdürftig verdecken, sind Teil ihres Körpers, Nacktheit Teil ihres Wesens. Ich weiß nicht ob aus Versehen oder in einer Art Selbstzensur, aber in späteren PERRY-Comics wird Shiras Körper gelegentlich vom Hals an abwärts blau eingefärbt und ihr somit mittels Kolorierung eine dieser hautengen Uniformen verpasst, die auch Perry, Auris & Co an Bord des Raumschiffs CREST tragen.

Shira, wenn auch, wie Schröder bemängelt, gelegentlich als EPOXY-Plagiat präsentiert, war eine genuine Figur der PERRY-Comichefte, die in der Romanserie niemals vorkam. Als ich Ende der Siebziger PERRY-Comics auf dem Flohmarkt kaufte, da habe ich ganz gewiss nichts dagegen gehabt, dass Shira mit ihrem Aussehen für Perry und seine Truppe eventuell eine klitzekleine Gefährdung der Kampfmoral darstellte.

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